Schau mir in die Augen – Erfahrungen mit echter Augenhöhe


Über Augenhöhe hört man gerade viel. Es brauche Augenhöhe im Unternehmen für ein ehrliches, vielleicht sogar glücklicheres Miteinander zwischen Chefin und Mitarbeiter. Klingt ja auch toll: „Wir sind hier voll auf Augenhöhe!“ Lustigerweise hört man den Satz deutlich häufiger von Führungskräften als von Mitarbeitenden. Vielleicht, weil sich Augenhöhe schwieriger anfühlt, wenn man von unten nach oben gucken muss…

Suche nach Augenhöhe

Versuchen wir doch mal der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bleibe bei der Bildsprache. Augenhöhe impliziert, dass wir auf einer Ebene stehen (Differenzen in der Körpergröße mal außen vorgelassen). Keine kann der anderen sagen, was sie zu tun oder zu lassen hat, keine hat Macht über das Handeln oder gar die Existenz der anderen. Dann können wir frei und ohne Angst vor Konsequenzen miteinander sprechen, kritisieren, Emotionen zeigen, nicht lachen, wenn die Gegenüber einen schlechten Witz macht. Im privaten Umfeld finden wir das genau so vor.
Und was passiert nun, wenn wir in den beruflichen Sektor blicken? Klar, wir sehen Organigramme, ein definiertes „Oben“ und „Unten“. Da könnte man sich jetzt achselzuckend abwenden und sagen, „Ja gut, da funktioniert das nicht, muss ja schließlich jemanden geben, die eingetragene Geschäftsführerin, Eigentümer oder Meisterin ist.“
Spannenderweise beobachte ich seit knapp einem Jahr, wie ein Unternehmen auch trotz einiger formaler Strukturen (Geschäftsführer, Partner) auf Augenhöhe funktionieren kann. Als ich zu V&S kam, wusste ich natürlich, wer der Geschäftsführer ist und auch, dass es Partner gab, aber gespürt habe ich davon nichts.
Selbstverständlich gibt es eine gewisse Asymmetrie, schon allein auf Grund von Erfahrung, unterschiedlichen Wissensständen und individuellen Fähigkeiten. Der große Unterschied liegt wohl in der Abstinenz von Autorität und Macht. Es könnten sich ja durchaus aus der formalen Struktur Weisungsbefugnisse ergeben, jedoch werden diese praktisch nie genutzt.

Transparenz & Konflikt

Wozu auch? Wir wollen gemeinsam das Beste für die Firma und damit für jeden Einzelnen erreichen. Das Ziel ist klar, der Weg kann nur durch die verschiedenen Fähigkeiten aller Kollegen und Kolleginnen beschritten werden. Und was passiert bei der täglichen Arbeit? Keine Aufgabenzuweisung, keine Regeltermine zum Status im Projekt, keine KPIs zur persönlichen Leistungsbewertung. Und trotzdem passiert all das natürlich trotzdem! Nur nicht notwendigerweise über die Hierarchie.
Aufgaben verteilen wir im Team, auch die Unliebsamen. Wir informieren uns gegenseitig über Fortschritte unserer Arbeit, entweder durch offene Transparenz oder mal schnell übers Telefon. Und selbstverständlich beobachten wir gegenseitig unsere Leistung, sprechen darüber, wenn mal eine Präsentation in die Hose gegangen ist und wenn an einigen Stellen noch Wissen nachgeholt werden muss. Und wenn persönliche oder fachliche Differenzen zum Dauerproblem werden und so Entscheidungsprozesse erschweren, dann müssen diese deutlich früher thematisiert werden. Denn auch diese Probleme führen zum Verlust der Augenhöhe.

Leistung des Individuums

Diese Art der persönlichen Auseinandersetzung erfordert mehr vom Einzelnen. Die Aufgaben oder Rollen, die sonst bei einer klassischen Führungskraft liegen, teilen sich auf alle oder einzelne Mitarbeiter auf. Das bedeutet aber auch, dass Themen, die nur eine Person als wichtig empfindet, nicht von dieser „durchgedrückt“ werden können. Auch nicht von den Partnern oder dem Geschäftsführer. Über Macht kann ich keine Mitstreiter finden, mit guten Argumenten schon. Das fordert jeden, ohne Frage! Es bedeutet, dass ich selbst entscheiden muss, ob ein Vorschlag dem Unternehmen nützt oder schadet. Und, was vermutlich noch viel schwieriger ist, ich muss beurteilen, ob ein Vorschlag gesamtwirtschaftlich vorteilhaft ist, ohne lediglich meinen individuellen Nutzen zu betrachten. Keine leichte Aufgabe, aber unbedingt notwendig, wenn in Krisensituationen schwere und unliebsame Entscheidungen getroffen werden müssen.

Lernende Haltung

Die für mich wichtigste Haltung zum Erschaffen und Halten von Augenhöhe, neben der Bereitschaft zu schonungslosem Diskurs und dem Zurückstellen des Egos, ist sicherlich die Bereitschaft permanent Lernen zu wollen. Wer offen nach Hilfe fragt oder um Feedback bittet, macht sich im ersten Moment angreifbar, verletzlich. Das erfordert Mut und Größe, aber es öffnet die Tür für Erkenntnis und ehrliche, direkte Auseinandersetzung…auf Augenhöhe eben.

Experiment

Beobachten und hinterfragen Sie sich und Ihr Team! Wie treffen wir Entscheidungen? Wer hat am Ende das letzte Wort? Werden alle Stimmen im Team gehört? Und wenn Sie die Führungskraft sind: Wann hat Ihnen das letzte Mal jemand wirklich widersprochen? Und mach Sie doch mal einen bewusst unterirdischen Witz. Lachen die Kollegen pflichtbewusst? Falls ja, sollten Sie sich fragen, wieso. ;-)